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Dieses Blog ist Cole Porters Musical "Kiss Me, Kate" (1948) gewidmet. Hier sammle ich Rezensionen, Links, Fotos, Videos...

Außerdem versuche ich, möglichst alle aktuellen und kommenden "Kiss Me, Kate"-Produktionen im deutschsprachigen Raum zu erfassen und alles Relevante dazu zu verlinken.

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Freitag, 8. Juli 2011

"Modern" und "kreativ" sind zwei Paar Stiefel

Kiss Me, Kate beim Sommerfestival Kittsee, 7. Juli 2011 (Premiere)


Ich habe bei Inszenierungen schon öfters folgende ungeschriebene Gesetzmäßigkeit beobachtet: Das Bedürfnis, durch oberflächliche Modernisierungen zu punkten, verhält sich umgekehrt proportional zur Fähigkeit, professionell und inspiriert Personenregie zu führen. Dieses Phänomen kommt auch bei der aktuellen Kiss Me, Kate-Produktion des Sommerfestivals Kittsee zum Tragen. Leider zu Gunsten der oberflächlichen Modernisierungen.

Aber um deutlich zu machen, weshalb ich diese Inszenierung als, nun, im Großen und Ganzen nicht sonderlich gelungen empfinde, muss ich irgendwie noch weiter ausholen und ein bissl "stating the obvious" betreiben: In Kiss Me, Kate gibt es zwei Handlungsebenen. Das Potenzial des Stückes, was Schmäh, Charme, das Spielen mit Mehrdeutigkeiten usw. usf. angeht, liegt zu einem Gutteil im Spiel mit den Parallelen und den Kontrasten zwischen diesen zwei Handlungsebenen seitens der Regie und den HauptdarstellerInnen. So. Dazu wäre es zunächst einmal, quasi als Basisarbeit, nötig, ein Konzept zu entwerfen, bei dem diese beiden Ebenen optisch klar voneinander abgegrenzt werden. Das betrifft erst einmal das Bühnenbild, und da hat Kittsee natürlich schon einmal einen Nachteil, weil es eine Freiluftbühne (vor einem Schloss) ist, wo schnelle Szenenwechsel praktisch unmöglich sind. Die Kulisse betreffend hat man das ganz ok gelöst, indem man zwei Kulissen an den Seiten hin- und zurückschiebt. Ansonsten verbleiben die Garderoben von Lilli und Fred halt durchgehend rechts auf der Bühne und links soll das Padua der Shakespeare-Handlung mit ein paar Gartenmöbeln angedeutet werden. Ok, das funktioniert alles nur, wenn man diverse Abstriche betreffend der Logik macht, aber das hat zumindest mich im Grunde nicht wirklich gestört.

Sehr gestört haben mich hingegen die Kostüme. Das führt mich nun zurück zu meinem ersten Absatz. Die Kostüme waren modern - okay, kann man machen, wenn man das erstens aber auch iiirgendwie explizit plausibel macht. Fred könnte zum Beispiel bei seiner kurzen Ansprache zu Beginn betonen, was für eine ambitionierte zeitgemäße Fassung von Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" man geplant habe oder so was. Das war aber nicht der Fall. Die Motivation für die Modernisierung (und vor allem für die konkrete Art der Modernisierung) des Stückes im Stück blieb bis zuletzt unklar, und das ist für mich ein sehr dickes Minus.

Zweitens ergaben die Kostüme einen ganz merkwürdigen Stilmix, und das führt mich nun wieder zu Absatz 2 zurück - sie haben sich im Grunde nicht deutlich von den Alltagsklamotten der 1. Handlungsebene abgehoben. Die Brüche, die sich zwischen den beiden Handlungsebenen ergeben, kamen allein schon dadurch nicht richtig zur Geltung, weil sie optisch nicht unterstrichen wurden.

Drittens, und das führt mich erneut zu Absatz 1 zurück, die Personenregie war ebenfalls alles andere als bemüht, diese Brüche auszukosten. Dass Lois Lane als Nachtclubsängerin mit Shakespeare im Grunde heillos überfordert ist, das kam zB nicht ein einziges Mal zum Tragen. Ich weiß, der Originaltext verlangt das nicht, aber in guten deutschsprachigen Produktionen ist es üblich, darauf Rücksicht zu nehmen; sei es, dass man Lois an einer Stelle den Text vergessen oder falsch betonen lässt oder dergleichen - simple Schmähs, die aber eine gute Wirkung haben, weil sie den Reiz des Konzeptes vom Stück im Stück betonen, noch vor dem großen Crash zwischen Lilli und Fred. Ganz generell wurden bis zum Schluss massenhaft Möglichkeiten zum humorvollen Brechen der Shakespeare-Handlung verschenkt.

Überhaupt war die Personenregie speziell in Akt 1 einfach zu wenig kreativ und zu wenig akzentuiert. "I hate men" war fast wie bei einem Liederabend runtergesungen, "Were thine that special face" detto - wenn man bedenkt, was man aus den Nummern regietechnisch alles rausholen kann (auch ohne, wie in Salzburg, die Schlachtung eines Hasen zu fingieren oder dgl. *gg* - da gibt es einen Mittelweg zwischen "zu viel" und "zu wenig"!)! "Tom, Dick or Harry" war hingegen bei meinen Leuten und mir ein Lacher, aber ich fürchte, die Komik war nicht ganz so freiwillig bzw. jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne des Stückes - nur, wenn man zB einen der Freier zum Teenie-Punk umstylt und den dann aber eine suuuuuperkonventionelle Choreographie tanzen und mit der Red-Bull-Dose in der Hand "Werde mein, werde mein" trällern lässt, dann kommt das dermaßen skurril rüber, dass es auf Umwegen tatsächlich zum Lachen ist. ;-)
An sich war die Personenregie speziell in Akt 1 aber einfach fast durchgehend zu einfallslos.

Der einzige, der die Chose so halbwegs retten konnte, war Andreas Lichtenberger, der Darsteller des Fred/Petruchio - schauspielerisch einer der besten, die ich je in der Rolle gesehen habe, vergleichbar mit Oliver Meskendahl letztes Jahr in Osnabrück. Lichtenberger hat, vermutlich dann wohl eher in Eigenregie?, den Witz seiner Rolle genüsslich ausgekostet, etwa in Akt 1, Sz. 6, wo der ach so misshandelte Fred sich bei seinem Inspizienten ausheult - das war wirklich genial. Er hat den Rest des Ensembles gnadenlos an die Wand gespielt, auch seine Partnerin Ann Mandrella, die nicht nur konsequent jeden höheren Ton vermieden hat (ok, vielleicht war sie gestern nur indisponiert) sondern auch darstellerisch relativ blass blieb, einfach auch zu wenig "shrew" war, zu wenig Power zeigte. Wenn man von Lichtenberger und Franz Suhrada, der einen sehr lustigen Wiener Ganoven gab, absieht, hätte das ganze Ensemble eine viel pointiertere Führung seitens des Regisseurs Gerhard Ernst (der übrigens auch den 1. Ganoven spielte und ein wenig zu berlinern versuchte, aber nur, wenn er gerade daran dachte) nötig gehabt.

Fairerweise muss ich betonen, dass die Regie in Akt 2 stellenweise definitiv besser wurde. Positiv hervorstreichen möchte ich die Umsetzung von "Where is the life that late I led": Die Idee, die von Petruchio besungenen Damen leibhaftig über die Bühne schreiten zu lassen, ist nicht neu, aber gut, und war vor allem auch nett umgesetzt. Dass Fred sich am Schluss selbstgefällig in seiner Kadenz wiegt und sogar noch ein "Figaro, Figaro, Fiiiigaro... falsches Stück" einbaut, fand ich wirklich witzig.

Harrison Howell (Friedrich Schwardtmann) durfte endlich einmal wieder, dem Originaltext gemäß, ein alternder Millionär sein statt eines Generals; die Szene, in der Fred ihn dann in Lillis Garderobe einlullt, fand ich recht gut gestaltet und gespielt.

Ich komme nun zu DEM großen Pluspunkt dieser Inszenierung - nämlich dem Finale. Ich sudere ja dauernd, dass niemand dieses schrecklich devote Lied von Katharina gscheit ironisiert. Nun, in Kittsee wurde es tatsächlich ironisiert. Zwar war ich nicht huuuuuundertprozentig glücklich, weil wieder unklar blieb, was sich jetzt eigentlich auf welcher Handlungsebene abspielt, sprich, was Lilli als Lilli macht und was als Kate, aber what shall's. Folgendes spielt sich ab: Sie singt mit übertriebener Lieblichkeit diesen peinlichen Text - Fred suggeriert bereits deutlich Verunsicherung nach dem Motto "Das KANN die nicht ernst meinen" - , dabei nimmt sie ihm die Peitsche aus der Hand und verknotet sie zu einer Fessel für die Hände, die sie ihm schlussendlich anlegt. Singt "Ich bin deine Dienerin" - und zieht gleichzeitig die Schlaufen zu. Ich fand diese Ambivalenz schon recht gelungen - es war viel, viel besser als in fast allen Versionen, die ich bislang gesehen habe. :-)

Leider trotzdem summa summarum mMn nur eine eingeschränkt zu empfehlende Produktion. Ich glaube, wenn man das Stück nicht oder kaum kennt und diese Produktion sieht, wird man sie schon ganz amüsant finden. Aber wenn man halt weiß, wie viel mehr an Esprit und Gaudi man aus Kiss Me, Kate rausholen kann, dann ist man doch ein wenig enttäuscht.

Hier noch zwei erste Kritiken/Berichte:
orf. at (mit 20 Bildern)
kurier.at 
Edit vom 9. 7.:
Hier noch ein kurzer Beitrag vom ORF (Burgenland heute).
Das Seitenblicke-Team war auch dort, da dürfte aber gestern noch nix gesendet worden sein.