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Dieses Blog ist Cole Porters Musical "Kiss Me, Kate" (1948) gewidmet. Hier sammle ich Rezensionen, Links, Fotos, Videos...

Außerdem versuche ich, möglichst alle aktuellen und kommenden "Kiss Me, Kate"-Produktionen im deutschsprachigen Raum zu erfassen und alles Relevante dazu zu verlinken.

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Mittwoch, 30. Dezember 2009

Das gemeuchelte Käthchen von Heilbronn

Kiss Me, Kate am Stadttheater Heilbronn (27. 12. 2009)


Um eingangs gleich in medias res zu gehen: Die aktuelle Kiss Me, Kate-Produktion am Stadttheater Heilbronn ist von vorne bis hinten völlig misslungen. Ich rate allen, die das Stück bzw. das Genre der klassischen book musicals kennen und schätzen, dringend davon ab, sich diese Verunglimpfung anzutun.

Im Gegensatz zu Uwe Grosser bin ich allerdings nicht der Ansicht, dass die Misere primär im mangelnden gesanglichen Potenzial des hauseigenen Schauspielensembles begründet liegt. Zwar stimmt es, dass bis auf Susan Ihlenfeld (Lois/Bianca) niemand von diesen Leuten singen kann. Und es ist geradezu süß, wie in der kurzen Einführung vor Beginn des Stückes im Foyer - die fast zur Gänze apologetischen Charakters war, weil es anscheinend nach der Premiere einige schlechte Kritiken gesetzt hatte - mit der Unwissenheit des Publikums spekuliert wird, um selbiges prophylaktisch milde zu stimmen: Cole Porters Musik sei nicht für "unisono klingende Musical-Stimmen" geschrieben sondern für singende Schauspieler, hieß es da. Das stimmt so natürlich nicht. Die Hörproben hier - es singt das Original-Cast, Broadway 1948 - mögen mich bestätigen. Cole Porter hätte nicht so anspruchsvolle Nummern geschrieben, hätte er nicht ausgebildete Stimmen gehabt, die das auch tatsächlich singen konnten. Aber gut. Ich erwarte mir natürlich nicht, dass am Stadttheater Heilbronn gesungen wird wie am Broadway. Über die schiefen Töne hätte ich hinweggesehen.

Nein, es ist Elisabeth Stöpplers Inszenierung, die dieses Stück in Heilbronn nach Strich und Faden killt. Stöppler wurde übrigens vor kurzem mit dem Kulturpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Das allein hätte mir eigentlich bereits als Vorwarnung ausreichen müssen; werden doch gemeinhin nicht jene RegisseurInnen öffentlich ausgezeichnet, die Stücke inszenieren, sondern viel mehr diejenigen, die Stücke instrumentalisieren, um das moderne Regietheater an sich zu inszenieren und damit dem Narzissmus der Branche gerecht zu werden.

Ich hätte nicht geglaubt, dass ich es einmal sagen würde, aber: Da ist sogar die Berliner Fassung, die ja jetzt nach Köln gewandert ist, noch um Häuserecken besser. Denn Barrie Kosky hatte sein gesamtes künstlerisches Genie auf den billigen Effekt seiner seltsamen Grundidee verpulvert; und auf Personenregie-Ebene ist ihm dann Gott sei Dank fast nichts mehr eingefallen.

Elisabeth Stöppler hingegen ist leider sehr viel eingefallen. Jetzt wäre das ja an sich eine gute Sache - wenn, ja, wenn die Grundeinstellung der Regisseurin die richtige gewesen wäre. Wenn ein/e RegisseurIn sich auf dieses Genre im Allgemeinen und das konkrete Musical im Besonderen einlässt, auf seine Atmosphäre, seinen Stil, seine Art von Humor - dann kann er/sie sich im Grunde ziemlich viel an kreativen Abweichungen vom Text erlauben und das Stück wird trotzdem als solches funktionieren. Aber Elisabeth Stöppler lässt sich nicht im Geringsten auf Kiss Me, Kate ein. Tatsächlich ist nicht ein einziger ihrer zahlreichen Einfälle im Sinne des Stücks.

Von Anfang an klappt schlichtweg gar nichts - das betrifft schon das rein Handwerkliche: Die vielen Ideen ergeben kein ganzheitliches Konzept, sondern bleiben aneinander gereihte Versatzstücke, deren Aussage zum Teil schlicht unverständlich ist. Dass auch die Charaktere überhaupt nicht ausgearbeitet sind, mag ja noch irgendwie angehen, denn die Figuren in Kiss Me, Kate sind ja tatsächlich eher Typen als Charaktere; eine etwas bessere Behandlung hätten sie freilich dennoch verdient, speziell in ihren Beziehungen zueinander. Aber vor allem ist der Text an den falschen Stellen gekürzt, Akzente und Pausen sind nicht richtig gesetzt, des weiteren befinden sich dauernd Leute auf der Bühne, die dort gerade nichts zu suchen haben, und tun Dinge, die die eigentliche Handlungsstruktur stören; all das unterbindet ein mentales und emotionales Erfassen und Erleben der wesentlichen Handlungsmomente. Auch dem immer wieder wechselnden Verhältnis der beiden Handlungsebenen zueinander, das einen wesentlichen Reiz des Stückes ausmacht, fehlt der nötige Feinschliff.

Obwohl ich sehr wohl den Eindruck hatte, dass die SchauspielerInnen ihren Job sehr gut drauf haben und die das sicher besser hätten bringen können, kommt auf Grund der Regie de facto nichts so rüber, wie es soll: Die lustigen Momente sind nicht lustig, die leidenschaftlichen Momente sind nicht leidenschaftlich und die innigen Momente sind nicht innig. Nichts berührt einen in irgendeiner Weise - höchstens peinlich: etwa, wenn zu Beginn der Shakespeare-Handlung offensichtlich der gesamte Fundus der Heilbronner Kostümabteilung in einer geschmacksverirrten Modenschau präsentiert werden soll. Warum man zwar die Backstage-Handlung in den 40ern lässt, Petruchio dann aber beispielsweise plötzlich als Las-Vegas-Elvis auftritt, will ich eigentlich so genau gar nicht wissen. Echt nervtötend sind auch die Figuren Paul und Hattie uminterpretiert: Sie bewegen sich wie Automaten und kommentieren ständig, was sie machen, was mit sich führt, dass sie bei den Dialogen, etwa vor "Wunderbar", permanent dazwischenreden. Wahrscheinlich will mir das irgendetwas Weltbewegendes sagen, es ist mir aber einfach nur ganz banal auf die Nerven gegangen. Ich war heilfroh, als die Shakespeare-Handlung begann und Paul somit als Rolle fürs Erste weg war - und wurde sogleich herb enttäuscht, denn der gute Mann hat sich dann plötzlich in Baptista verwandelt und auch als solcher ständig pseudowitzig dreingeredet, etwa bei "Tom, Dick or Harry", was an sich eine der besten Nummern des Stückes wäre.

Auch sonst beweist Stöppler deutsches Gespür für Subtilität: So wird beispielsweise nach "Wunderbar" nicht, wie im Text vorgesehen, geküsst, sondern lieber gleich gefickt. Das widerspenstige Käthchen wird auch nicht übers Knie gelegt, sondern lieber gleich vergewaltigt. Beides ist zwar nur (reichlich seltsam) angedeutet; aber auch angedeutet ist das einfach zu viel - und absolut destruktiv im Hinblick auf die Atmosphäre des Stückes.

Wo Akt 1 noch als miserable Umsetzung von Kiss Me, Kate durchgeht, ist Akt 2 eigentlich gar nicht mehr Kiss Me, Kate. Spätestens von dem Moment an, wo Harrison Howell einen unnötig eingebauten Beatles-Song singt, verliert sich die Inszenierung immer mehr in einer grotesken Eigendynamik, die sich auf Handlungsebene zunehmend vom Text entfernt: Statt Kiss Me, Kate sehen wir nun das Stück Elisabeth Stöppler erzählt uns eine Geschichte über die Pervertierung des Menschen durch das böse Geld und bedient sich dabei verfremdend Motiven aus 'Kiss Me, Kate'. Folgendes spielt sich ab: Howell erklärt mittels "Oh! Darling" seine Liebe zum Geld und verschwindet mitsamt dem überdimensionalen Plattenspieler von der Bühne, Lilli und Lois mit ihm. Unterdessen sind zwar die Gangster zum Theater gewechselt, dafür haben Gremio und Hortensio deren Waffen an sich genommen und sind plötzlich kriminell geworden. Als Bill Lois hinterhereilen will, schießen die beiden ihm mit den Pistolen ins Knie und berauben anschließend das Ensemble seiner Wertgegenstände. Danach brüllt Fred verzweifelt nach Lilli, die auch tatsächlich zu ihm zurückkommt (wir erinnern uns: zu dem Mann, der sie in Akt 1 noch öffentlich vergewaltigt hat). Lilli und Fred schmusen, während Bill neben ihnen am Boden vor sich hin verblutet. Abschließend bricht das Ensemble in eine dieser merkwürdigen Möchtegern-Choreographien aus, von denen in der Einführung behauptet wurde, sie würden Redewendungen gestisch umsetzen. Die Songs "Bianca" und "I am ashamed" sind gestrichen und die Reprise von "So in love" wird nur instrumental angedeutet; und man ist dankbar dafür. Denn erstens hätten die das gesanglich eh nicht hingekriegt und zweitens wollte man sowieso nur mehr, dass dieser Schwachsinn möglichst schnell ein Ende findet.

Ich wage zu behaupten, dass man eine solche Inszenierung nur einem deutschen Publikum vorsetzen kann; denn das deutsche Publikum ist diesbezüglich nun schon seit zwei, drei Jahrzehnten echten Kummer gewöhnt und hat sich notgedrungen damit arrangiert. Und es rettet sich mangels Alternativen in eine oberflächliche Rezeption: "Schön bunt", urteilte etwa der ältere Herr neben mir in der Pause wohlwollend, "und immer was los auf der Bühne." Ja, eh. Aber in dem Moment, wo ich nur ein Fünkchen mehr an Anspruch habe als "schön bunt" und "immer was los" - in dem Moment, wo ich mir erwarte, dass hier ein Text halbwegs adäquat szenisch umgesetzt wird, kann ich in zwingend logischer Folge eine solche Produktion nicht mehr gut finden.

Es kann übrigens gut sein, dass ich Elisabeth Stöppler Unrecht tue, wenn ich ihr unterstelle, dass sie das Musical einfach nur benützt, um der Welt ihren Inszenierungsstil exemplarisch vorzuexerzieren. Der, nebenbei bemerkt, nicht originell daherkommt, sondern nur sämtliche Klischees, die man zum Thema modernes Regietheater im Kopf hat, bedient, als wolle er sich selbst parodieren. Vielleicht war es gar nicht Selbstgefälligkeit, die sie dazu veranlasst hat, das Stück komplett in ihrem Sinne umzumodeln. Vielleicht mag sie es nur einfach nicht, so wie der oben zitierte Herr Grosser, und geht deshalb derart lieblos damit um. Es ist ihre erste Musical-Inszenierung; möglicherweise findet sie schlicht keinen Zugang zum Genre an sich. Zu einem Genre, das nicht verstören, erziehen, provozieren, weh tun, die Welt erklären und retten will - sondern das einfach nur unterhalten möchte. Vielleicht ist ihr das alles nicht intellektuell genug. Das ist ja auch okay. Müssen ja nicht alle alles mögen. Nur, die Lösung kann nicht lauten, das Stück zu ruinieren. Die Lösung wäre in dem Fall, das Stück gar nicht zu inszenieren.

Bleiben Sie bei Ihren Leisten, Frau Stöppler. Wie wär's zum Beispiel mit Wedekind? In Frühlings Erwachen wird Sex gezeigt, und zumindest einer der Geschlechtsverkehre lässt sich als Vergewaltigung interpretieren. Ja, und dann schießt sich auch noch einer in den Kopf und der Schluss ist überhaupt ganz schön durchgeknallt. Das wäre doch was für Sie! Aber Musicalkomödien vom Broadway der 40er Jahre - die bitte lieber nicht mehr, ja?

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Danke, Herr Dr. Clarke

... für diesen Satz:

Nach der knalligen Eröffnungsnummer 'Premierenfieber’ aus Cole Porters 'Kiss Me, Kate’ – dankenswerterweise in der alten Günter Neumann-Übersetzung, die so viel besser ist als die aktuell an der Komischen Oper zu hörende Neufassung – stürmte ein Sänger nach dem anderen die Bühne.


Entnommen diesem Artikel von Dr. Kevin Clarke über einen Musicalabend in Berlin.

Ich habe ja schon vor einiger Zeit begonnen, an einem Verriss dieser Neuübersetzung zu arbeiten, aber ich komme bislang nicht dazu, die fertigzustellen; zumal ich mich zu diesem Zweck überwinden müsste, die Berliner Inszenierung noch mal anzusehen. *g* Aber ich werde es tun. Ja. Wenn ich mich mal sehr stark fühle. ;-)

Montag, 7. Dezember 2009

Heilbronn: Erste Kritik

Vorgestern war die Premiere der neuen Kiss Me, Kate-Produktion am Stadttheater Heilbronn, und hier gibt es eine erste Kritik. Die ist ja nun eher durchwachsen, vor allem, was die gesanglichen Leistungen des Ensembles betrifft. Wobei ich einen Kritiker, der das Stück so abwertet, eh nicht wirklich ernst nehme. ;-)

Um das noch mal klar zu machen - das Textbuch hat unzweifelhaft Schwächen; v.a. sind auch die vielen intertextuellen Anspielungen für ein nicht-amerikanisches Publikum im Jahre 2009 zum Teil nicht mal mehr nachvollziehbar. Aber ich sehe da gerade das kreative Potenzial des Stücks - denn die Grundidee und die Grundstruktur sind mMn absolut genial, und Porters Musik und Songtexte sind sowieso nicht zu toppen. Was die Regie und die DarstellerInnen machen müssen, ist, mit dem Text im Detail möglichst frei umzugehen, denn wenn die einfach nur die Originaldialoge (am Ende noch in dieser misslungenen Übersetzung von S. F. Wolf) runterrattern und die alten Regieanweisungen 1:1 nachspielen, wird das einfach öde. Das kann man bei La Boh`eme machen, nicht aber bei Kiss Me, Kate.

Aber dieser kreative Umgang darf bitteschön nicht verkrampft originell daherkommen, wie's im deutschen Regietheater meist der Fall ist; sondern einerseits mit Respekt vor dem Witz (und auch dem Trash-Aspekt! *g*), der der Atmosphäre des Stückes und in den Liedtexten von Vornherein inhärent ist, sowie andererseits die Liebesgeschichte zwischen Lilli und Fred ernst nehmend, so skurril selbige auch ist. Der Funke springt nur dann komplett über, wenn neben den ganzen burlesken Momenten auch die innigen Augenblicke glaubwürdig transportiert werden. Letztere sind nämlich, und da sind wir wieder bei der gelungenen Grundstruktur, relativ spärlich, aber um so gekonnter platziert.

Na, ich bin total gespannt. Die Kostüme sehen tw. eher geschmacksverwirrt aus, aber es könnte sein, dass das beabsichtigt ist, weil das Stück im Stück ja laienhaft sein soll. Ich freu mich schon. :-)

Nachtrag vom 1. 1. 2010:
Meine Rezension.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Heilbronn - vor der Premiere

Die Kiss-Me-Kate-Produktion in Heilbronn hat übermorgen Premiere. Hier gibt es einen ersten Artikel online.

Das mit dem Plattenspieler sieht schräg aus, könnte aber seinen Reiz haben... Naja, mal sehen. Ja, wir fahren, noch im Dezember. :-) Es wird dann hier natürlich eine ausführliche Rezension geben.

Bin schon ganz ausgehungert, hab das Stück ja seit April nicht mehr live gesehen. *gg*