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Dieses Blog ist Cole Porters Musical "Kiss Me, Kate" (1948) gewidmet. Hier sammle ich Rezensionen, Links, Fotos, Videos...

Außerdem versuche ich, möglichst alle aktuellen und kommenden "Kiss Me, Kate"-Produktionen im deutschsprachigen Raum zu erfassen und alles Relevante dazu zu verlinken.

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Sonntag, 8. Juni 2008

Berlin

Also, ich hab's mir im TV angesehen. Überraschung: Es war... schlecht. Ich hab auf der musicalzentrale-Seite eine Rezension verfasst, die ich jetzt aus Gründen der Faulheit einfach hier reinkopiere:


Viel zu... lau

Oft genug sind nicht künstlerische Kriterien ausschlaggebend für das, was im Theater wie gespielt wird. Von diesem Phänomen handelt Cole Porters Musical "Kiss Me, Kate". Warum beispielsweise engagiert ein Produzent eine Nachtclubsängerin für eine Shakespeare-Produktion? Weil er eine Affäre mit ihr hat. Und warum verteilt die Hauptdarstellerin plötzlich echte Ohrfeigen auf der Bühne? Weil sie den Hauptdarsteller liebt und eifersüchtig ist. Und warum werden plötzlich sogar zwei Gangster in das Shakespeare-Stück integriert? Weil sie bei einem der Schauspieler Spielschulden einzutreiben versuchen.

Und warum wird ein Broadway-Klassiker wie dieser einem heillos überschätzten Barrie Kosky zum Fraße vorgeworfen? Und warum lässt man dafür extra eine Neuübersetzung von Susanne Wolf anfertigen, die um Häuserecken altbackener klingt als die Neumann’sche Version aus den 50ern? Und warum wird danach in den Medien so getan, als wäre die daraus resultierende Produktion von „Kiss Me, Kate“ jetzt einer der größten Würfe der Theatergeschichte? Ich bin mir sicher, auch auf diese Fragen gibt es irgendwo im Verborgenen plausible Antworten.

Bevor jetzt wieder die selbst schon reichlich angestaubte Konservativismus-Keule geschwungen wird: Das Problem ist nicht, dass modernisiert wurde. Das Problem ist, aus welcher Motivation heraus und vor allem WIE modernisiert wurde. Wenn Barrie Kosky einfach nur gehorsam seinem Ruf folgen will, alles auf Biegen und Brechen „ganz anders“ zu machen – dann ist das ein zweifelhaftes Motiv für eine Aktualisierung. Und wenn ihm dann nichts Besseres einfällt, als alle in Wild-West-Kostüme zu stecken, weil es angeblich irgendwo in New Mexico ein Kaff namens Padua gibt – dann ist das schon sehr dünn. Und wenn die geschmacklose Umsetzung dieser armseligen Idee schließlich damit gerechtfertigt wird, dass ja alles nur eine Parodie sei – dann ist das schon sehr billig.

Viel schlimmer als die scheußliche Aufmachung ist aber die Tatsache, dass der Geist und der Witz des Musicals in dieser Inszenierung einfach nicht mehr funktionieren. Koskys Humor und der Humor des Stückes (und zwar auf beiden Handlungsebenen) sind nicht miteinander kompatibel, und Kosky ist nicht der Mann, der sich um eines Stückes Willen selbst etwas zurücknimmt. Die wenigen Schmähs, die zünden, sind einige der neu eingebauten, und das ist nicht der Sinn der Sache.

Ein weiterer Schwachpunkt liegt darin, dass die Liebesgeschichte zwischen Lilli und Fred in dieser Produktion einen nicht auch nur irgendwie berührt. Dabei hat Kosky selbst in einem Interview sinngemäß betont, dass es ihm wichtig sei zu zeigen, wie hier zwei Menschen nach Jahrzehnten voller Höhen und Tiefen bemerken, dass sie doch nicht ohne einander können. Die Hassliebe zwischen der Diva Lilli und dem Selbstdarsteller Fred und die daraus resultierende Spannung sind in der Tat die Crux der Handlung, kommen aber in dieser Produktion überhaupt nicht rüber. Das liegt sicher auch zu einem Gutteil daran, dass die Figur des Fred Graham von der Regie nicht nur kaum ausgearbeitet und schlecht geführt, sondern mit Roger Smeets auch noch kolossal fehlbesetzt ist. Abgesehen davon, dass ich mir von einem Mann, der immerhin auch Oper singt, stimmlich mehr erwartet hätte, hat er den Fred gespielt wie eine Buffopartie in einer schwachen Operette. Dieses Zittern in der Sprechstimme und diese fürchterliche Mimik und Gestik waren echt an der Grenze des Erträglichen. Fred Graham als Märchenonkel ohne jeglichen Biss – das geht nicht.

Dagmar Manzel scheint in Berlin ein Publikumsliebling zu sein und wurde in den Medien unglaublich gehypt. Die Produktion ist ganz auf sie zugeschnitten, sie darf auch zwei Songs singen, die eigentlich anderen Rollen zugeteilt wären. Vom Gesanglichen her ist das nicht unbedingt gerechtfertigt. Darstellerisch ist sie hingegen sehr gut, kann diese Inszenierung aber auch nicht mehr wirklich retten.

Freilich hat die Inszenierung auch ihre Momente: Lois’ 2. Nummer etwa ist sehr gut umgesetzt (auch vergleichsweise gelungen übersetzt), die „Prügelszene“ zwischen Fred und Lilli punktet mit lustigen Einfällen und das Finale, an sich die große Schwachstelle dieses Musicals, ist recht annehmbar gelöst. Zudem spielt das Orchester sehr gut und die Choreographien sind absolut gelungen. Aber das reicht halt auch nicht mehr aus, um die großen Patzer auszubügeln.

Ich kann mir vorstellen, dass ein gewisses Zielpublikum speziell die Ensembleszenen auf einer gewissen Ebene zu schätzen weiß, aber das ist jetzt eigentlich nicht das vorrangige Ziel des Musicals „Kiss Me, Kate“. Ich kann mir weiters vorstellen, dass Leute, die das Genre im Grunde als minderwertig betrachten (und tatsächlich wurde das Stück in einigen Kritiken beiläufig entwertet, als wäre es erst durch diese Produktion annehmbar geworden), sich jetzt erfolgreich einreden können, es wäre durch die Labels „Kosky“ und „Manzel“ auf den Olymp der hohen Theaterkunst erhoben worden – weil das Ersetzen von Pseudo-Renaissance-Kostümen mit Pseudo-Cowboy-Kostümen das Ganze ja so viel intellektueller macht. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass jemand, der dieses Stück als solches kennt und schätzt und sich von einem merkwürdigen Hype und trendigen Namen nicht so leicht blenden lässt, dieser Version sonderlich viel abgewinnen kann.

8 Kommentare:

Peter hat gesagt…

DANKE!DANKE!DANKE!
Ich zweifelte schon an mir, da ich diesen Hype um eine so grundschlechte Inszenierung und Produktion nicht verstehen konnte. Danke ich sehe zu meiner großen Beruhigung, dass ich damit nicht alleine dastehe. Mein Mitgefühl der Komischen Oper, die sich da einen sehr mittelmäßigen, wenn nicht sogar sehr schlechten Regisseur auf den Indentantensessel geholt hat. Wenn dies das Einstandsgeschenk sein soll, dann Adieu Komische Oper für die nächsten Jahre. Intellektuelles sich katastrophal überschätzendes Mittelmaß werden dominieren.

KmK hat gesagt…

Danke für Ihren Kommentar. Ich bin ganz bei Ihnen.

Das mit der "Kiss Me, Kate" in Berlin ist ein klassisches Schulbeispiel für einen konstruierten Medienhype. Da wurde schon im Vorfeld so dermaßen hoch gelobt und im Nachhinein wollte dies niemand revidieren, obwohl die Schwächen der Produktion für jeden Menschen, der über eine gesunde Distanz zur KoB und den mit ihr in welcher Form auch immer verbundenen Gesellschaftskreisen verfügt, mehr als augenscheinlich waren. Das betrifft nicht nur die miserable Regie sondern auch, seien wir mal ehrlich, Dagmar Manzels viel gepriesene Sangeskünste. Sie hat ein sehr dünnes Stimmchen ohne ausreichende Ausbildung und hat sich um viele Passagen eher wenig elegant rumgeschwindelt. Darstellerisch hat sie mir sehr gut gefallen, da gibt es nichts; aber sie wurde zB in einer Kritik als "Nachtigall" bezeichnet - ganz ehrlich, da muss man schon sehr voreingenommen sein, um zu so einem Urteil zu gelangen.

Deswegen bleib ich dabei, ich schau mir lieber Produktionen in kleineren Häusern an - nicht, dass dort nicht auch Lobbys und Verbindungen aller Arten und Unarten Einfluss auf das künstlerische Treiben hätten, aber es artet doch meist nicht gar so ins Absurde aus.

Anonym hat gesagt…

Liebe KMK-Liebhaberin!
Ich habe mir eine Vielzahl Ihrer Beiträge durchgelesen, und ich möchte Ihnen sagen, daß mir Ihr Blick und Ihre Art des Schreibens sehr gut gefällt.
Ich selbst bin schon seit langem - seit zwanzig Jahren jetzt - eine künstlerische Verehrerin von Dagmar Manzel, und man könnte meinen, daß mich deshalb Ihr Kommentar verletzt.
Aber das tut er nicht, ich stimme Ihnen zu und bin im Gegenteil sehr beunruhigt über das, was sich da in letzter Zeit um ihre Person entwickelt - über den "Hype", wie Sie es nennen. Mag sie selbst auch glücklich sein über die Möglichkeit, sich einer solchen Arbeit und der von ihr wirklich geliebten Musik - dies weiß ich - widmen zu können, ich habe dennoch das Gefühl, daß man sie als Künstlerin mit ihren wunderbaren Fähigkeiten und ihrem herrlichen Humor mehr und mehr benutzt, nur, um mit ihr ein volles Haus "garantiert" zu bekommen. Ich fürchte, daß ihr dies auf Dauer nicht gut tun wird und daß es mit der Zeit vielleicht auch ihr künstlerisches Urteilsvermögen beeinträchtigt und verwirrt. Dies erfüllt mich mit Sorge.

KmK hat gesagt…

Danke auch für Ihren Kommentar.

Ich muss gestehen, dass ich Frau Manzel vor dieser "Kiss Me, Kate" überhaupt nicht kannte (hier in Österreich ist sie nicht so bekannt). Nachdem ich sie als Lilli gesehen habe, kann ich gut verstehen, warum sie viele Fans hat: Sie hat eine tolle Ausstrahlung und auch genau den passenden Humor, um diese Rolle zu spielen. Aber Porters Musik verdient halt doch, besser gesungen zu werden.

Ich hätte aber mit ihrer Performance sehr wohl leben können, abschreckend war für mich in erster Linie die Regie. Aber nachdem ich live gesehen habe, was man in Heilbronn mit "Kiss Me, Kate" gemacht hat, bin ich ja geneigt, die Berliner Version als geradezu wohltuend konventionell anzusehen. *seufz*

Ich hatte aber eben auch ganz klar den Eindruck, dass Manzel instrumentalisiert wurde, um ein volles Haus zu kriegen. Allein schon, weil sie die zwei Eingangsnummern der jeweiligen Akte zugeschanzt bekam, die eigentlich von anderen Figuren gesungen werden; was auch auf Handlungsebene nicht wirklich Sinn ergab. Und gerade die zwei Nummern haben sie stimmlich definitiv überfordert.

Anonym hat gesagt…

Dagmar Manzel hatte großes Lampenfieber bei der Premiere, das hat man gemerkt. Sie kommt ja nicht vom Musiktheater und hat schon durchaus größere stimmliche Möglichkeiten als sie in dieser Produktion zeigen konnte - nicht zu vergessen, daß ihr die Tanzeinlagen einiges abverlangten wie auch der ganze Energielevel, auf welchem sie spielt. Und sie ist mit 51 Jahren ja nicht mehr ganz so jung... Bisher hat sie sich immer als Nischen-Schauspielerin gesehen und insbesondere die Medien immer sehr gemieden. Sie hat sich einfach aus Leidenschaft und in Anlehnung an die frühere Tradition von singenden Schauspielern nunmehr erst spät dem Gesang zugewandt und würde sich zweifellos nicht anmaßen, mit professionell ausgebildeten Sängern verglichen werden zu wollen. Ich fand übrigens umgekehrt auch viele gesprochene Passagen von Leuten, die offenbar diesbezüglich nicht ausgebildet wurden, sehr schwach - und dies hätte Dagmar Manzel eigentlich in jedem Fall selber auch stören müssen. Wie Sie es sagten: Nicht Fisch noch Fleisch...

KmK hat gesagt…

Da war dann, glaube ich, mitunter auch das Problem, dass der Regisseur sowie der männliche Hauptdarsteller keine Muttersprachler waren und allein schon von daher Schwierigkeiten hatten, bei den Dialogen die richtigen Akzente zu setzen.

Natürlich stimmt es, dass große Nervosität herrschte, gerade bei Manzel und Smeets konnte man das Lampenfieber förmlich mitspüren. Sicher hat sie da jetzt mittlerweile mehr Routine.

Wie gesagt, meine Hauptkritik richtet sich nicht gegen die DarstellerInnen sondern gegen den Regisseur. Dieses Stück kann man leider mit einer schlechten Regie komplett ruinieren.

Anonym hat gesagt…

Ich meinte nicht nur die Sprechqualität oder vielleicht nicht gelungen genug gesetzten Akzente. Ich fand vor allem die schauspielerischen Leistungen ganz schwach: Nehmen Sie nur den männlichen Hauptdarsteller oder die zweite Hauptdarstellerin - deren übertriebene Mimik und Gestik waren teilweise eine Zumutung. Aber auch so kleine Momente wie die Zwischenszene vor "So in Love", als eine Frau den kleinen Blumenstrauß mit den Worten "Für Miss Lilli?" überbringt - das wirkte alles sehr gekünstelt wie in einem Laien-Theaterkurs und wurde also ganz lieblos von der Regie umgesetzt. Von dem völlig fehlenden Zauber einer Liebesgeschichte natürlich ganz zu schweigen...

KmK hat gesagt…

Ganz Ihrer Meinung! Aber das ist typisch Kosky - ich hab ja auch seinen "Lohengrin" gesehen, der mittlerweile in Wien, so weit ich weiß, abgesetzt wurde: Er lässt sich eine möglichst durchgeknallte Grundidee einfallen, um mittels billigem Effekt Aufsehen zu erregen, und Personenregie findet dann zum Ausgleich quasi gar nicht statt. Die KmK hatte personenregietechnisch ganz wenige gute Momente, ansonsten war sie auch auf dieser Ebene sehr, sehr schwach.

Aber wie ich schon geschrieben habe, seit ich die Heilbronner Inszenierung erleben musste, wo eine schwachsinnige Idee die nächste gejagt hat, finde ich die Kosky-Variante nahezu erholsam. *ächz*